Work-life balance in Europa: Wie wollen wir leben?

Wie wollen wir leben?

24 h pro Tag, 7 Tage in der Woche, 365 Tage im Jahr – so weit sind die Vor­aus­set­zun­gen für eine gute work-life balance für uns alle gleich. Doch wie fül­len wir diese Zeit?

In unse­rer Tages‑, Wochen- und Lebens­ge­stal­tung unter­schei­den wir uns alle, indi­vi­du­ell und kul­tu­rell. Unser Rhyth­mus hängt von vie­len Fak­to­ren ab: Von per­sön­li­chen Ent­schei­dun­gen genauso wie von Tra­di­tio­nen, von Jah­res­zei­ten wie von Fami­li­en­si­tua­tion oder Wohn­ort. Manch­mal gibt es feste Blö­cke im Tag, in denen das Leben still­steht wie die spa­ni­sche Siesta zwi­schen 14 und 17 h (die übri­gens von immer mehr Leu­ten als „Zwangs­pause“ abge­lehnt wird, schaut mal auf spiegel.de). In man­chen Regio­nen wie­derum ist klar, dass man an bestimm­ten Tagen ein­fach nicht arbei­ten kann: Im Rhein­land löste es zum Bei­spiel vor Jah­ren mas­sive Pro­teste aus, den Rosen­mon­tag abschaf­fen zu wol­len.

Die Struk­tur eines Tages wird aber vor allem geprägt durch die Fak­to­ren von Arbeits­zeit und pri­vat ver­brach­ter Zeit. Grund genug, hier ein­mal genauer hin­zu­schauen. Wie leben wir in Europa?

Der Rahmen: Unterschiedliche Voraussetzungen für die work-life balance

Zwei Fak­to­ren betref­fen uns alle in unse­rem All­tag, egal wo wir sind und was wir arbei­ten: Glo­ba­li­sie­rung und Digi­ta­li­sie­rung. Diese Ent­wick­lun­gen bedeu­ten für uns vor allem, dass alles schnel­ler, kom­ple­xer, ver­netz­ter und ent­grenz­ter wird. Für den einen brin­gen diese Neu­hei­ten mehr Fle­xi­bi­li­tät und Frei­heit, man denke nur an den Rei­se­b­log­ger. Für den ande­ren, zum Bei­spiel den Invest­ment­ban­ker, heißt es statt­des­sen auch nach Fei­er­abend nicht abschal­ten zu kön­nen. Über­haupt: Wel­cher Fei­er­abend? Man kann doch jetzt so wun­der­bar von über­all arbei­ten.

An man­chen Orten wie Frank­furt, Lon­don, Luxem­burg dürfte der Typus Invest­ment­ban­ker stark ver­tre­ten sein. Aber auch andere Berufs­fel­der sind zeit­in­ten­siv. So gibt es zum Bei­spiel an vie­len land­wirt­schaft­lich gepräg­ten Orten Euro­pas viel Arbeit, die nicht war­ten kann: Anda­lu­sien, weite Teile Öster­reichs, die Bre­ta­gne, Ost­po­len oder Sizi­lien haben große Fel­der zu bewirt­schaf­ten – die Arbeit bestimmt den Tag. Andere Städte wie­derum sind für ihre ent­spannte  Art zu leben bekannt, man denke an Wien oder Lis­sa­bon. Wo Du bist, prägt Dei­nen Tag ent­schei­dend, genauso wie was Du tust.

Was ist denn eigentlich work-life balance?

Die Inter­na­tio­nale Orga­ni­sa­tion für Arbeit (ILO) hat fünf Dimen­sio­nen für eine gute work-life balance iden­ti­fi­ziert: Es geht darum Arbeits­zei­ten zu fin­den, die (1) für Gesund­heit und Sicher­heit gut sind, die (2) fami­li­en­freund­lich sind, die (3) eine Gleich­heit zwi­schen den Geschlech­tern her­stel­len, die (4) die Pro­duk­ti­vi­tät und Wett­be­werbs­fä­hig­keit von Unter­neh­men för­dern und (5) dem Arbeit­neh­mer  einen Ent­schei­dungs­spiel­raum und damit Selbst­be­stimmt­heit über seine Arbeits­zeit geben. Diese unter­schied­li­chen Punkte zei­gen, wie kom­plex das Thema ist – und das weit mehr darin steckt als eine Dis­kus­sion über Geschlech­ter­rol­len oder Frei­zeit­wahn.

Gesellschaften im Umbruch

Gerade unter jun­gen Men­schen wird es immer wich­ti­ger, selbst über den Tag bestim­men zu kön­nen und mehr Zeit mit Din­gen zu ver­brin­gen, die man mag. Im Ide­al­fall ist die Arbeit schon ein Teil der Selbst­ver­wirk­li­chung — work-life balance at its best, sozu­sa­gen. Aber nicht immer gelingt das, zumal auch hohe Jugend­ar­beits­lo­sig­keit, vor allem in Süd­eu­ropa, ganz andere Pro­bleme auf­wirft.

Aber auch der Umgang mit Arbeit ist in unter­schied­li­chen Kul­tu­ren unter­schied­lich geprägt. Fünf Bei­spiele, die zei­gen, wie ver­schie­den die glei­che Sehn­sucht gelebt wird:

Skandinavien

Wenn ich die Worte “Fle­xi­bi­li­tät” und “Arbeit” höre, denke ich immer an Däne­mark, Schwe­den oder Finn­land. Erstaun­lich, da Teil­zeit­ar­beit dort kaum üblich ist. Im Gegen­teil: Die Arbeits­tage sind oft lang, nur eben nicht im Büro. Aber Kin­der­be­treu­ung? Eltern­zeit für Män­ner und Frauen? Kein Pro­blem. Work-life balance eben. Und ziem­lich viel Gleich­be­rech­ti­gung gleich mit.

Bei­spiel Finn­land: 78% der Män­ner und 73% der Frauen sind laut OECD berufs­tä­tig. Auch scheint es all­ge­mein aner­kannt zu sein, dass es Dinge außer­halb des Büros gibt, die min­des­tens ebenso wich­tig sind wie die Arbeit – und dass man eben nicht nur im Büro arbei­ten kann. In Hel­sinki soll man auch schon Minis­ter gese­hen haben, die ihre Kin­der um 17 h von der Kita abge­holt haben. Einen inter­es­san­ten Ein­blick in die fin­ni­sche Art zu leben fin­det man übri­gens hier: http://taughtbyfinland.com/work-life-balance-in-finland-americans-on-a-different-planet/.

Die­ses Bild gilt übri­gens quer durch alle Jobs: Eine Prä­senz­kul­tur wird hier nicht geschätzt, son­dern gilt eher als inef­fi­zi­ent. Und auch ein wich­ti­ger Aspekt: Work-life balance gilt nicht nur für Fami­lien. Schließ­lich muss jeder abschal­ten kön­nen, Freunde tref­fen, Sport machen.

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Frankreich

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Mein Bild von Frank­reich hat viel mit gutem Essen, Sonne und “savoir vivre” zu tun. Zu wis­sen wie man gut lebt und es tat­säch­lich auch zu tun, sind aller­dings zwei unter­schied­li­che Dinge. Wie also lebt es sich in Frank­reich?
Letz­ten Som­mer las ich einen Arti­kel: ”Arbeits­mails sind in Frank­reich nun nach Ende der Büro­zei­ten ille­gal.” Was bitte? Wie soll denn das funk­tio­nie­ren, wo doch Black­ber­ries zum Teil der Innen­ar­chi­tek­tur gewor­den sind und manch­mal letzte Option, irgend­wie aus dem Büro los­zu­kom­men. Eine Revo­lu­tion also?

In Frank­reich arbei­tet man 35 h pro Woche. Das ist weni­ger als der durch­schnitt­li­che Euro­päer, der 37,2 Stun­den arbei­tet – am längs­ten übri­gens die Grie­chen mit sta­tis­tisch 42 Stun­den. In der Rea­li­tät arbei­ten Fran­zo­sen mehr. Nun aber haben sie das „right to dis­con­nect”, wie der eMail-freie Arbeits­abend heißt.  Die Kehr­seite: Arbeit­ge­ber kön­nen von der 35 h‑Woche abwei­chen. Eine Ent­schei­dung, die zu vie­len Pro­tes­ten in Frank­reich geführt hat, wo man sehr auf Arbeits­rechte pocht.

Hinzu kommt: Kin­der­be­treu­ung ist stark aus­ge­baut und eine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Es ist nor­mal, dass eine Fami­lie ein Kind nach weni­gen Mona­ten in eine Krippe gibt und wie­der zum Arbeits­all­tag zurück­kehrt. Der gesell­schaft­li­che Anspruch ist also ein ande­rer, ent­spann­te­rer. Dies gilt also für Skan­di­na­vien und Frank­reich glei­cher­ma­ßen.

Polen

In Polen sind 68% der Män­ner und 55% der Frauen berufs­tä­tig. 14,4 h blei­ben im Schnitt um zu schla­fen, zu essen und pri­vate Dinge zu erle­di­gen. Das macht Platz 30 von 38 im OECD-Ver­gleich. Immer­hin müs­sen nur 7% lange Über­stun­den in Kauf neh­men; hier liegt der Durch­schnitt der OECD-Staa­ten bei 13%. Die Arbeits­lo­sen­quote liegt bei 8,5%, aber die Jugend­ar­beits­lo­sig­keit ist mit 14,5% recht hoch. Das heißt: Es ist nicht leicht, Rechte ein­zu­for­dern, denn viele andere war­ten auch auf einen begehr­ten Job. Auch wenn es ein Irr­glaube ist, dass eine lange Arbeits­zeit auch mehr Pro­duk­ti­vi­tät bedeu­tet.
Die Fami­lie nimmt in Polen einen sehr hohen Stel­len­wert ein, und auch hier ver­brin­gen Frauen im Schnitt mehr Zeit mit unbe­zahl­ter Fami­li­en­ar­beit als Män­ner. Im Ver­gleich zu Skan­di­na­vien und Polen spie­len hier tra­di­tio­nelle Bil­der noch eine große Rolle.

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Italien

Italien

Die ita­lie­ni­sche Lebens­art ist für viele Men­schen erstre­bens­wert. Sonne, Meer, gutes Essen – Vor­aus­set­zun­gen für ein schö­nes Leben. Meine römi­schen Freunde sagen aller­dings immer: „In Rom zu leben ist groß­ar­tig, dort zu arbei­ten die Hölle.“ Tolle Städte und unsere öko­no­mi­schen Rea­li­tä­ten gehen also nicht immer zusam­men, zumal der land­wirt­schaft­lich geprägte Süden ins­ge­samt schwere Zei­ten hat als der indus­tria­li­sierte Nor­den des Lan­des. Hier ist die Jugend­ar­beits­lo­sig­keit hoch, das Wachs­tum nied­rig, genau wie die Wert­schöp­fung des ver­ar­bei­ten­den Gewer­bes.

Es ist wahr­schein­lich den­noch etwas dran an der Vor­stel­lung, dass Ita­lie­ner relax­ter sind als manch andere Euro­päer. Die Ita­lie­ner, die ich kenne, arbei­ten aller­dings auch sehr hart, quä­len sich durch ewig dich­ten Ver­kehr und ver­die­nen nicht ein­mal beson­ders viel Geld. Nicht zu ver­ges­sen: Ita­lien wurde hart von der Wirt­schafts­krise getrof­fen; das Leben ist gleich­zei­tig teuer. Nur 57% der Men­schen haben einen Job; das sind 16% weni­ger als im OECD Durschnitt.

Die Fami­lie ist sehr wich­tig, Rol­len­bil­der sind tra­di­tio­nell.  In Zei­ten öko­no­mi­scher Unsi­cher­heit bedeu­tet work-life balance in Ita­lien also auch: Diese muss man sich erst ein­mal leis­ten kön­nen – wich­ti­ger ist es, über­haupt einen Job zu haben.

Deutschland

Work-life balance ist in Deutsch­land ein wich­ti­ges Thema, und ins­be­son­dere junge Leute küm­mern sich sehr hierum. Lei­der ist die Frage häu­fig noch — zumin­dest in den Köp­fen — die nach “Kar­riere oder Leben”, zwi­schen der man sich ent­schei­den muss. Auch die Ver­ein­bar­keit von Fami­lie und Beruf bleibt ein wich­ti­ges Thema. Gleich­zei­tig beschei­ni­gen Stu­dien Deutsch­land ein so gutes Umfeld wie kaum einem ande­ren Land: Rela­tiv hoher Ver­dienst, eine durch­schnitt­li­che Arbeits­zeit von 40,2 h – klingt gut!

In Deutsch­land wird  Arbeits­platz­si­cher­heit sehr hoch bewer­tet – auch, wenn man dafür ein nied­ri­ge­res Gehalt in Kauf nimmt. Frauen arbei­ten ohne­hin oft Teil­zeit – im euro­päi­schen Ver­gleich weit über dem Durch­schnitt – oder gar nicht. Aus die­ser Situa­tion kom­men sie aller­dings auch manch­mal nicht her­aus, selbst wenn sie dies wün­schen – zu unfle­xi­bel ist der Arbeits­markt. Auch ist das kon­ser­va­tive Rol­len­mo­dell noch stark aus­ge­prägt – so dass sich viele Aka­de­mi­ke­rin­nen gegen eine Fami­lie ent­schei­den. Je nach Sta­tis­tik blei­ben zwi­schen 25% und 33% der stu­dier­ten Frauen ohne Kin­der. Gut für die Pro­duk­ti­vi­tät, schlecht für die Demo­gra­phie – und das, was sonst noch zählt im Leben.

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Dies sind nur einige Ein­drü­cke aus unter­schied­li­chen Län­dern. Trotz­dem wer­den zwei Dinge sehr deut­lich:

Zum einen unter­schei­den sich Rol­len­bil­der enorm. Wo Frauen eine gleich­be­rech­tigte Rolle ein­neh­men, gelingt es auch bes­ser, Arbeit und Pri­va­tes in Ein­klang zu brin­gen. Gleich­zei­tig ist die Pro­duk­ti­vi­tät hoch. Eigent­lich nicht erstaun­lich: Es ste­hen mehr Arbeit­neh­mer zur Ver­fü­gung, diese sind gleich­zei­tig moti­vier­ter und effi­zi­en­ter. Damit ver­bun­den sind dem­nach auch unter­schied­li­che Modelle, den Tag zu gestal­ten. Wo eine grö­ßere Gleich­be­rech­ti­gung herrscht, ist auch die Fle­xi­bi­li­tät im Arbeits­all­tag für alle höher.
Zum ande­ren: Auch die öko­no­mi­sche Situa­tion eines Lan­des hat einen gro­ßen Ein­fluss auf die Mög­lich­keit der work-life balance. Je höher die Arbeits­lo­sig­keit ist, desto grö­ßer ist das Poten­tial, Prio­ri­tä­ten in Rich­tung Arbeit zu ver­schie­ben – schließ­lich geht es hier um die Exis­tenz­grund­lage.

Digi­ta­li­sie­rung und Glo­ba­li­sie­rung wer­den unse­ren All­tag wei­ter ver­än­dern. An uns ist es aber, uns die Frage zu stel­len: Wie wol­len wir wirk­lich leben? Danach gilt es, unse­ren All­tag zu gestal­ten — und auch Dinge zu ver­än­dern, die uns anders bes­ser erschei­nen.

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