Wovon träumt Europa?

Meist träu­men wir nachts, im Schlaf. Bes­ten­falls han­deln unsere Träume vom nächs­ten Som­mer­ur­laub: Pal­men­strände erstre­cken sich in unse­ren Köp­fen, mit wei­chen, blauen, beru­hi­gen­den Wel­len. Del­phine sprin­gen vor unse­rem inne­ren Auge auf und ab. Schlimms­ten­falls wachen wir schweiß­ge­ba­det auf, weil wir glau­ben, einen wich­ti­gen Ter­min ver­passt zu haben. Wir gucken auf die Uhr, um schon am Mor­gen geschafft in die Kis­sen zurück­zu­sin­ken und erleich­tert zu den­ken „Gerade noch ein­mal gutgegangen!“ 

Du siehst Dinge und fragst ‚Warum?‘, doch ich träume von Din­gen und sage ‚Warum nicht?‘ – George Ber­nard Shaw, Schriftsteller

Es gibt aber noch (min­des­tens!) zwei andere Kate­go­rien von Träu­men. Zum einen sind das Träume im Sinne von per­sön­li­chen Zie­len: Wir träu­men davon, eines Tages eine Fami­lie zu haben. Den Job zu wech­seln. Mehr Geld zu ver­die­nen, weni­ger zu arbei­ten oder mehr Zeit für Sport zu haben. Je nach­dem, wo wir leben träu­men wir ein­fach davon in Sicher­heit zu sein. Etwas zu essen zu bekom­men. Strom zu haben. Diese Träume sind zutiefst indi­vi­du­ell und ori­en­tie­ren sich an unse­ren Bedürfnissen.

Wir kön­nen aber auch als Gesell­schaft träu­men. Auch dann geht es um Ziele, um gemein­same Visio­nen. Darum, wie wir zusam­men leben wol­len. Was also möch­ten wir in Europa?

In der Problemanalyse sind wir gut: Die Sorgen teilen wir

Darin, gemein­same Ängste zu iden­ti­fi­zie­ren, sind wir recht gut. Die Euro­päi­sche Union führt in regel­mä­ßi­gen Abstän­den große Umfra­gen, soge­nannte “Euro­ba­ro­me­ter” durch. Das Ergeb­nis der letz­ten Mei­nungs­um­frage: 45% der Euro­päer berei­tet Ein­wan­de­rung die größte Sorge, gefolgt von Ter­ro­ris­mus mit 32% und der wirt­schaft­li­chen Lage mit 20%. Im Nor­den Euro­pas ist die Sorge vor Ter­ro­ris­mus ins­ge­samt etwas größer, im Süden domi­niert das Thema der öko­no­mi­schen Lage dafür etwas mehr.

Einig sind wir uns, allen Unken­ru­fen zum Trotz, auch darin: Die Lösun­gen sol­len euro­pä­isch sein. Das allein ist schon ein­mal eine große Ant­wort, liest man doch immer, dass die EU zu viel tue und sich über­all ein­mi­sche! 82% der Euro­päer fin­den, dass die EU mehr gegen den Ter­ro­ris­mus unter­neh­men solle (Link zum Euro­ba­ro­me­ter). Genannt wer­den der Kampf gegen Ter­ror­fi­nan­zie­rung, sowie der Bekämp­fung der Wur­zeln von Ter­ro­ris­mus und Radi­ka­li­sie­rung sowie eine ver­stärkte Kon­trolle der EU-Außen­gren­zen. Ähn­lich viele Über­ein­stim­mun­gen gibt es im Bereich der Maß­nah­men gegen Arbeits­lo­sig­keit: 77% der Euro­päer sehen dies als wich­ti­ges Thema (hier hat die EU übri­gens nur koor­di­nie­rende Kom­pe­ten­zen, kann also nur Maß­nah­men der ein­zel­nen Län­der ver­stär­ken). Hohe Erwar­tun­gen gibt es auch für die Berei­che Kampf gegen Steu­er­be­trug, Migra­tion, Gren­zen, Demo­kra­tie­för­de­rung, Umwelt­schutz und Gemein­same Ver­tei­di­gungs­po­li­tik. Unsere gemein­same Vision ist es, für diese Berei­che euro­päi­sche Lösun­gen zu erarbeiten. 

Gemeinsam einsam?

Kurz gesagt: Wir träu­men von Sicher­heit, wirt­schaft­li­chem Wohl­stand und einem guten Job. Das zumin­dest ist der Teil, den die Poli­tik uns lie­fern soll, oder, beschei­de­ner for­mu­liert: Zumin­dest die Vor­aus­set­zun­gen dazu. Auf der Maslow­schen Bedürf­nis­py­ra­mide also klas­si­sche Sicher­heits­be­dürf­nisse, nach denen dann unsere sozia­len Bedürf­nisse folgen.

Unsere Träume sind also recht deckungs­gleich. Unsere Aus­gangs­vor­aus­set­zun­gen sind es aber nicht. Wir träu­men vom Bewah­ren dort, wo es uns gut geht. Da, wo es uns nicht gut geht, träu­men wir davon, auf­zu­schlie­ßen — zu denen, denen es unse­rer Ein­schät­zung nach bes­ser geht. Dies emp­fin­den wir schein­bar oft als Null­sum­men­spiel: Wenn einer gewinnt, ver­liert ein ande­rer, so die Angst. Öko­no­misch ist dies am leich­tes­ten nach­zu­voll­zie­hen, gilt aber auch für andere Bereiche.

Uns fehlt also eine wirk­lich posi­tive Vision von dem, was wir errei­chen wol­len und wie wir es errei­chen kön­nen. Und vor allem: Wir brau­chen die Erkennt­nis, dass wir nur gemein­sam unsere Träume in die Tat umset­zen kön­nen. Dass wir Ver­trauen haben soll­ten, letzt­lich das glei­che Ziel anzu­stre­ben. Dass dies Anstren­gung erfor­dert, Kom­pro­misse und wir nur gewin­nen kön­nen, wenn wir auch bereit sind, etwas zu ris­kie­ren. Wer eine Fami­lie grün­den möchte, muss auch irgend­wann ein­mal seine eigene Woh­nung auf­ge­ben und zusam­men­zie­hen. Das bedeu­tet nicht, dass er seine Iden­ti­tät auf­gibt. Aber, dass er sich als Teil von etwas Grö­ße­rem sieht.

Natür­lich ist es genau so legi­tim, dies nicht zu wol­len — aber dann muss man eben auch den eige­nen Haus­halt alleine schmei­ßen, selbst put­zen, ein­kau­fen und sich um alle Ver­si­che­run­gen kümmern.

Letztlich träumen wir alle ähnlich

Kom­men wir zum Schluss noch ein­mal auf unsere indi­vi­du­el­len Träume zurück. Alle, mit denen ich in den ver­gan­ge­nen Wochen gespro­chen habe, hat­ten die glei­chen per­sön­li­chen Wün­sche: Gesund­heit. Mehr Zeit für ihre Freunde und die Fami­lie. Erfül­lung im Job. Das alles sind Träume, die wir wei­test­ge­hend selbst in der Hand haben. Träume, die uns gemein­sam sind. Und wer jetzt noch nicht von unse­ren gemein­sa­men Träu­men über­zeugt ist: 43.800 Stun­den träu­men wir im Schnitt in unse­rem Leben, haben For­scher errech­net. Das gilt für uns alle – weltweit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.