Lucy’s World

Mut.

Träu­men ist etwas kom­plett ande­res als machen. Aber es lohnt sich Gren­zen zu über­win­den — die manch­mal nur im eige­nen Kopf exis­tie­ren.

Von Tauben, die Schokolade lieben

Vor mei­nem Fens­ter nis­tet eine kleine Taube. Um sie von allen ande­ren Tau­ben in der Welt zu unter­schei­den, habe ich sie Lucy genannt.

Lucy hat ein Pro­blem, das viele Tau­ben mit ihr tei­len. Alle sagen zu ihr, dass sie Wür­mer lie­ben muss. Sie sagen: “Wür­mer sind groß­ar­tig, vol­ler Pro­te­ine und guter Nähr­stoffe. Alle Tau­ben lie­ben Wür­mer! Ehr­lich gesagt: Wenn Du keine Wür­mer magst, bist Du auch keine Taube. Dann spie­len wir nicht mehr mit Dir!”

Aber Lucy hasst Wür­mer! Die­ser ekel­haft, schlei­mige Geschmack, die­ses Gefühl im Schna­bel — als wenn Sie eine Qualle essen würde. Und satt macht es sie auch nicht!

Lucy hat daher ein heim­li­ches Scho­ko­la­den­ver­steck ange­legt. Ab und zu huscht sie dort­hin und nascht etwas. Sie fühlt sich schreck­lich schul­dig danach, aber sie kann es nicht ändern. Die­ses zarte Gefühl von schmel­zen­dem Zucker.…Manchmal ver­irrt sich sogar ein Stück­chen Kara­mell in Lucy’s Scho­ko­de­pot, auf dem man etwas her­um­kauen kann…

Dann aber gibt es Momente, in denen denkt Lucy:

Ich bin doch eine Taube! Wenn alle Tau­ben Wür­mer lie­ben, muss ich das auch tun! Sonst gehöre ich nicht dazu!

Lucy ist rat­los. Sie fühlt sich hin- und her­ge­ris­sen. Was soll sie nur tun? Ihrer Lei­den­schaft fol­gen? Oder haben alle ande­ren Tau­ben doch recht?

Eines Tages wacht Lucy auf, mit einem unstill­ba­ren Hun­ger nach Scho­ko­lade. Sie hatte einen Traum von einem Schla­raf­fen­land vol­ler Flüsse aus wei­ßer Scho­ko­lade, mit Spring­brun­nen aus hei­ßer Scho­ko­lade. Auf üppi­gen Wie­sen ste­hen Häu­ser mit dunk­len Voll­milch­dä­chern. Lucy denkt nach, was nun zu tun ist. Und sie beschließt:

Wenn das mein Traum ist, dann schere ich mich nicht um das Gerede der ande­ren Tau­ben. Ich werde immer Scho­ko­lade essen, wenn mir danach ist. Genau jetzt gönne ich mir einen gro­ßen Scho­ko­la­den­muf­fin. Und jeder soll es sehen!

Einen Monat spä­ter ist Lucy die erste Taube, die ein eige­nes Scho­ko­la­den­ge­schäft besitzt. Und sie ver­dient viel Geld damit! Denn mehr und mehr Tau­ben ste­hen nun dazu, dass sie Wür­mer nicht mögen, Scho­ko­lade aber lie­ben! Letzte Woche kam sogar eine Eule vor­bei, die zwan­zig Scho­ko­la­den­ta­feln gekauft hat.

Und die Moral von der Geschicht’:
Was wir heute sind, sind wir wegen der Gele­gen­hei­ten, die wir genutzt haben. Wir sind Risi­ken ein­ge­gan­gen, obwohl wir nicht wuss­ten, wohin diese uns füh­ren könn­ten. Wir haben uns gegen den Rat ande­rer auf Ent­schei­dun­gen ein­ge­las­sen. Dies trifft auf uns alle per­sön­lich zu. Es ist aber auch wahr für die Gesell­schaf­ten, in denen wir leben.

Wenn wir uns also immer für den ver­meint­lich siche­ren Weg ent­schei­den und an Bewähr­tem fest­hal­ten, wer­den wir nicht wei­ter­kom­men. Oder aber wir wer­den auf Wege gera­ten, auf denen uns andere sehen wol­len — aber nicht, weil wir sie gewählt haben. Fort­kom­men bedeu­tet, Risi­ken ein­zu­ge­hen, uns ste­tig wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und uns dabei zu kor­ri­gie­ren.

Ich gönne mir jetzt etwas Scho­ko­lade!